19.12.2019

Briefe



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ID: 9033 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 16.01.1859
 

Wien d. 16 Jan. 1859.

Lieber Joachim,

halten Sie es nicht für Zudringlichkeit, wenn ich, trotz Ihres Stillschweigens auf meinen Brief zu Weihnachten an Sie, heute wieder schreibe. Es betrifft jedoch keineswegs mich, sondern lediglich Frl. Wendheim, Derentwegen ich es thue. Ich schrieb Ihnen schon, daß ich Dieselbe kennen gelernt, und auf meine Frage, warum sie nicht bei Ihnen studiere, die Antwort erhielt, es sey der Leute wegen nicht geschehen; jetzt nun bei meiner Anwesenheit in Gratz lernte ich ihre Angehörigen kennen, welche mir erzählten, daß, auf eine Anfrage an Sie, ob die Wendheim nach Hannover kommen dürfe, Frau Detmold ihnen geschrieben habe, es sey Ihr specieller Wunsch, daß sie nicht komme wegen des Geredes der Leute: Mit Thränen erzählte mir die Schwester, wie tief diese Antwort das arme Mädchen gebeugt habe, wie sie ihr ganzes Glück gefunden hatte in der Hoffnung wieder bei Ihnen studieren zu können ect. ect. Ich habe ihnen nun versprochen Sie zu fragen, ob es wirklich Ihr Wunsch nicht war, daß sie kam, oder ob es nur die Meinung der Frau Detmold war? ich kann sie mir nicht recht denken als die Ihrige, denn wo das ganze künstlerische Glück eines so strebsamen Mädchens auf dem Spiele steht, kann doch nicht in Betracht kommen, was Dieser oder Jener etwa darüber sagt, was sich ja doch bald als ungegründet ausweisen müßte. <> Die Schwester wollte Ihnen schreiben, ob Sie ihre Schwester noch die 3 Monate bis April (England) unterrichten wollten, da es jedoch für sie nachdem, was Frau Detmold ihr geschrieben, gar zu peinlich war nochmals zu schreiben, so versprach ich es zu thuen, und bitte Sie nun mir offen Ihre Meinung darüber zu <schreiben> sagen – ich werde ihr kein Wort mehr sagen, als Sie mir Erlaubniß geben – nur damit sie wisse, woran sie sey, thuen Sie es. Böhm behagt ihr, glaube ich, nicht, er hat ihr gesagt, sie werde in einem Jahre die größte jetzt lebende Virtuosin sein ect. das gefällt mir nicht von ihm, es klingt mir so Charlatan-artig. Ich fürchte im Gegentheil, wie ich Ihnen schon schrieb, daß sie technich zu spät angefangen, und wie schwer die Technik zu erringen, wenn schon die Hände ausgewachsen ist eine bekannte Sache, auch ist sie musikalisch doch noch zurück. Ich bat Sie schon um Ihre Meinung hierüber, bitte, sagen Sie sie mir. Eine Antwort hierauf wollen Sie mir nach Dresden schicken, wo ich d. 21 oder 22ten einzutreffen denke. Ich werde bei Bendemann’s „Halbe Gasse Nro 3“ wohnen, und wohl einige Zeit bleiben. Ihretwegen frage ich nicht mehr! Leben Sie wohl! ich grüße Sie wie immer von Herzen, obwohl sehr betrübt
Ihre Cl. Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
441ff
 



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