19.12.2019

Briefe



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ID: 7139 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 27.01.1843
 

Verehrtester Freund,
ich stehe im Begriff, Ihnen ein Stück Arbeit zuzumuthen, aber ich sehe keinen anderen Ausweg, ich muß mich an Sie wenden. Hier sitze ich nun in Dresden, führe meine Opern auf, mache Glück, werde Kapellmeister – u. bin doch wie von Gott verlassen. In allen Blättern schreibt man über mich, – aber was schreibt man? Redensarten, Phrasen, meist gut, oft vielleicht zu gut gemeint – hie u. da mitunter wohl auch einmal bös gemeint: dies Alles macht mir – es ist wahr – einen gewissen Namen, da aber meist nur Leute über mich sprechen, die eigentlich von dem, worauf es bei einem Musiker hauptsächlich ankommt, gar nichts verstehen, so berührt es mich mehr als peinlich, zu sehen, daß eben weiter nichts als hohle Rederei über meine Sachen unter die Leute kommt. Mir thut ein rechter Musiker noth: – in Dresden kenne ich Keinen, – wohl aber in Leipzig. Sie thun für mich, was Sie können: das ist schön, – aber ich möchte, Sie könnten mehr, d. h. Sie kennten meine Sachen. Immer nur dem oberflächlichen Geschwätz unsrer Scribenten Preis gegeben zu sein, wird mir nun unerträglich. Wie oft bat ich Sie nach Dresden zu kommen; Sie konnten nicht, – auch haben Sie andere Interessen, die Ihnen vielleicht – ja gewiss näher stehen. So denke ich denn auf ein Mittel, Sie mit meiner Sache genau bekannt zu machen, ohne Sie wenigstens zu sehr zu geniren. Ich stehe eben im Begriff die Partitur meines „fliegenden Holländer’s“ nach Berlin zurückzuschicken, wo diese Oper im März zur Aufführung kommen soll: doch kann ich der Versuchung nicht wiederstehen, diese Partitur noch einige Tage zurück zu behalten, um sie Ihnen zuvor zuzuschicken. Vielleicht interessirt es Sie, vielleicht bestimmt Sie aber auch einige Theilnahme für mich, meiner Bitte zu willfahren, wenn ich Sie angehe, die Partitur drei Tage bei sich zu behalten um sie durchzusehen. Daß Sie mit meiner Richtung bekannt werden, – daran liegt mir hauptsächlich: wollen Sie dann etwas Ausführliches über meine Musik schreiben, so steht das bei Ihnen.
Wie ich Sie nach Dresden wünschte, wünschten Sie mich nach Leipzig um Ihre Musik kennen zu lernen: sowie Sie dem Wunsche nicht entsprechen konnten, konnte ich es auch nicht: – Ergreifen Sie daher denselben Ausweg, den ich ergreife! Schicken Sie mir Ihre Musik, ich werde mich eifrig u. genau damit bekannt machen, u.–ist es Ihnen recht– so schreibe ich ebenfalls etwas Ausführliches darüber in ein Blatt,
welches Sie dazu für geeignet halten, – vielleicht in die Elegante. –
Werthester Freund, halten wir doch zusammen! Wer weiß, wozu dies gut sein dürfte, – zumal da ich hoffe, daß wir uns in unsrer künstlerischen Richtung doch begegnen. –
Etwas Anderes! –
– Dies schöne Dresden mit seinen herrlichen Kunstmitteln jammert mich: es kommt mir Alles wie vergeudet vor, da hier nichts in ein reges publizistisches Leben übergeht. Ich gehöre nun hierher: so sehr ich mich anfänglich von aller Bewerbung um die durch Rastrelli’s Tod leer gewordene Musikdirektor-Stelle fern hielt, so wenig konnte ich endlich den außerordentlichen Anerbietungen widerstreben, die man mir machte: ich werde Kapellmeister mit vollem Gehalt, wie es Morlachi war, u. genieße außerdem die Vergünstigung, sogleich als wirklicher Kapellmeister anzutreten, während zuvor jeder Kapellmeister, Weber selbst, anfänglich ein Jahr als Musikdirector mit geringerem Gehalte dienen mußte. – Die erste Oper, welche ich einstudiren werde, ist Gluck’s „Armide“, welche mit unerhörter Pracht in Scene gesetzt werden soll. –
Jetzt haben wir denn auch den „Rienzi“ in 2 Theilen u. in zwei auf einander folgenden Abenden gegeben. Auf diese Art wurde die Oper wieder ganz vollständig gegeben: Sänger u. Publikum blieben von Anfang bis Ende frisch, u. das etwas gewagte Unternehmen – einem Publikum das in 2 Abend zu bieten, was es sonst in einem Abende hatte – reüssirte vollständig: an beiden Abenden war das Haus gefüllt voll . –
– In diesen Tagen kommt auch der „fliegde. Holl’der“ wieder daran: es freut mich ganz außerordentlich, immer mehr zu gewahren, wie diese Oper – zumal bei dem sinnigen Theile des Publikum’s – stets tiefer eingeschlagen hat. Es ist mir lieb, daß sie in Berlin früher als der „Rienzi“ aufgeführt wird. – –
Vor Kurzem war ich in Berlin: bester Freund, dort liegt Alles sehr im Argen, u. ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß dort nie etwas Erhebliches für die Kunst erblühen wird: die Demoralisation kommt von oben, – Alles ist halb, halb! – Mich hat’s angeekelt.
In Leipzig geht es frisch her? Wird bei der Musik-Schule etwas tüchtiges heraus kommen? Es läßt sich hoffen! Ach, liebe Leute, lehrt doch vor allen Dingen etwas Widerwillen gegen die Musik, damit nicht so entsetzlich viele Menschen mehr Musik treiben!
Gott erhalte Sie! Wenn es Ihnen möglich ist, suchen Sie meine Partitur in 3 Tagen zu absolviren, denn ich muß sie bald wieder zurückhaben
um sie nach Berlin zu schicken, von woher mir schon darum geschrieben ist. Sie geben sich wohl die Mühe, sie mir wieder zurückzusenden?
Viele Empfehlungen an Ihre verehrte Frau Gemahlin! Grüßen Sie doch auch Hrn. David bestens von mir, ich halte ihn – außer für einen großen Künstler – auch für einen ehrlichen Mann.
Stets bin ich in herzlicher Zuneigung der
Ihrige
Richard Wagner,

Marienstr. No 9.

Dresden, 27 Jan. 1843.

  Absender: Wagner, Richard (12918)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
76-79
 



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