19.12.2019

Briefe



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ID: 7129 Brieftext


Geschrieben am: Montag 14.09.1835
 

Magdeburg d. 14 Sept. 35.
Werther Herr,
Ich bedaure es herzlich, selbst während meines letzten Aufenthaltes in Leipzig, keine genügende Gelegenheit gefunden zu haben, mich Ihnen und Ihrem Kreise näher anzuschließen. Ich liebe Sie u. Ihre Freunde, – u. dies ist keinesweges fade Schmeichelei, sondern es ist offene Losung, mit der ich mich Ihnen nähere. Wir dürfen mit dergleichen naiven Bekenntnissen um so weniger zurückhalten, da die andere Losung – Ich hasse Euch, – sich von selbst gewaltig genug aus jedem Herzen herausdrängt, das von dem Scandal unsern [?] Widerpart redlich erfüllt ist. –
Ich habe eine feste Überzeugung: – Wir leben in dem Zeitalter der politischen Reform u. unzertrennlich von dieser ist die Reform der Wissenschaft u. Kunst, wie sie sich in allen Symptomen von selbst ankündigt; – an der Jugend ist es, diesen Zug der Zeit energisch begreifen zu lernen, um den Kampf als Nothwendigkeit, nicht als Willkühr anzusehen; – wir müssen froh u. heiter, aber vernichtend gegen die alte Lüge zu Felde ziehen, die unserer schönen wahren Götternatur mit Schwindsucht droht; – was auch Ehrwürdiges in dem Kampfe fallen möge, so werden wir – war es wirklich Würdig, – die Ersten sein, die es nach dem Siege im Triumph wieder aufrichten. Und wir brauchen zu diesem Kampfe keine Autoritäten, denn wir wollen von den Philistern nicht anerkannt u. autorisiert werden; – es ist hier von keiner Ausgleichung, von keiner Überzeugung die Rede, die wir Jenen aufdrängen wollen, sondern nur von dem Sieg, den wir über sie erkämpfen wollen. – –
Sie haben in Ihrer musikalischen Zeitung einen schönen Kampfplatz für uns eröffnet, und mich gelüstet es, auf ihm meine Kräfte zu versuchen. Ich lebe hier in einem praktischen Asyl, u. würge mich mit allen Niederträchtigkeiten dieser Praxis herum; – aber wie stärkt es mich!
Ich biete mich Ihnen an mit Herz u. Seele; machen Sie den Gebrauch von mir, zu dem ich tauge, u. übermachen Sie mir vorläufig ein Exemplar Ihrer Zeitung, so lange sie unter Ihrer Redaction erscheint.
Mit Achtung u. Freundschaft
Ihr
Richard Wagner Mus Dir.


Sr. Wohl.
Herrn
R. Schumann,
Redakteur der neuen musikalisch. Zeitung
in
Leipzig.
Barthische Buchhandlung
franco.

[BV-E, Nr. 204:] Magdeburg 14 September R. Wagner1) [Antwort:] + [Versand:] fr. [Bemerkung:] NB
[GN, NZfM III/45: 4. Dezember 1835, S. 180:] Sept. […] 16. […] Magdeburg

  Absender: Wagner, Richard (12918)
  Absendeort: Magdeburg
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
44ff.
 



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