Dresden den 3ten September 1846.
Mein werther junger Freund,
Sie müssen mich für unfreundlich halten, daß ich Sie so lang mit einer Antwort warten ließ, Aber im Seebad war mir jede Anstrengung untersagt und untersagte sich auch selbst – schon seit lange bin ich leidend, daß ich oft kaum einen Brief hintereinander fertig schreiben kann. Damit entschuldigen Sie das lange Ausbleiben der Antwort auf Ihre lieben Zeilen, die mir so wohlthuend in die Einförmigkeit des Badelebens hineinklangen. Viel hab’ ich mich mit Ihnen beschäftigt, vieles in Ihrem Briefe wiederholt gelesen, des jugendlichen Muthes mich gefreut, der sich darin ausspricht, wie mancher hellen und praktischen Ansichten darin. Alles in Allem erwogen möchte ich Ihnen dennoch Einiges zu |2| bedenken geben, ehe Sie Sich entschließen – War ich doch in einer ähnlichen Lage, wie Sie, hatte ich es doch auch mit einer sorglichen Mutter zu thun und kleinstädtische Vorurtheile zu bekämpfen. Dem großen Drange aber kamen ziemlich günstige äußere Verhältnisse zu Hülfe; es kam, wie es kommen mußte – ich ward Musiker – meine Mutter war glücklich, mich glücklich zu wissen. Aber ohne jene äußeren günstigen Verhältnisse – wer weiß, was aus mir geworden, und ob ich nicht dem Schicksal erlegen, dem mittellose Talente so oft zum Raube werden. Wie weh es mir thut, Sie gerade auf die Stelle Ihres Briefes aufmerksam machen zu müßen, wo Sie mir von Ihren Verhältnissen so offen und vertrauensvoll schreiben, kann ich Ihnen nicht sagen. Sie hielten, mir dies mitzutheilen, selbst für wichtig genug, und das ist es auch. Die lange Strecke bis zur Zeit, |3| wo sich Ihnen eine sorgenlose Stellung vielleicht bietet, hätten Sie Muth, sie zurücklegen, die tausend Entbehrungen, oft Demüthigungen zu ertragen, ohne Aufopferung Ihrer Jugend-, Ihrer Schöpferkraft? – Dabei scheint mir, sind Sie im Urtheile weit Ihrem Können vorausgeeilt – Sie hätten viel, sehr viel nachzuholen, Vieles, was junge Musiker Ihres Alters längst hinter sich haben und – eine strenge Schule also stünde Ihnen jedenfalls noch bevor. Daß Sie dann Tüchtiges, vielleicht Bedeutendes leisten als Componist, ich glaub’ es nach dem Talente, das mir Ihre Compositionen verrathen; aber aus der Zukunft tönt keine Stimme bis zu uns – verbürgen läßt sich nichts.
So meine ich denn, lieben Sie die Kunst, wie Sie immer gethan, – üben Sich fort und fort und schaffen aus Ihrem Innern, wie viel Sie vermögen – halten Sie fest an großen |4| Mustern und Meistern, vor allen an Bach, Mozart, Beethoven – und schenken Sie auch der Gegenwart immer freundliche Beachtung – Aber nur nach der strengsten Selbstprüfung ergreifen Sie den anderen Lebensplan, zu dem Sie Ihr Herz zieht – und finden Sie Sich nicht stark genug, seinen Mühen und Gefahren Trotz zu bieten, so suchen Sie nach dem sicheren Boden, den Sie Sich ja immerhin ausschmücken können mit den Gebilden Ihrer Phantasie und denen der geliebtesten Künstler. Daß Sie auch mir dann ein freundliches Andenken bewahren, soll mich freuen, wie mich schon Ihr ganzer Brief erfreut hat. Theilen Sie mir öfter von Ihren Arbeiten mit, und zunächst schreiben Sie mir von Ihrem nächsten Entschluß und ob Sie Einigem in meinem Briefe zustimmen.
Ihr
ergebener
R. Schumann.