19.12.2019

Briefe



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ID: 5856 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 03.01.1839
 

Leipzig am 3 Januar 1839
Theurer Freund!

Wie groß war meine Freude, als am Christmorgen der Laufträger mir ein Schreiben mit dem Zeichen der Kaiserstadt einhändigte! "aha, dachte ich, endlich einmal Nachricht und ausführliche, scheint es", den_ der Brief war dick. Oeffnend, ward ich getäuscht und überrascht zugleich; ich fand nicht das, was ich wünschte und doch vielmehr, als ich erwartete, eine sinnige, liebe Weihnachtsgabe, die ich still wieder zusammenfaltete und mir des Abends auf mein Tischchen legen ließ, um noch einmal, wenn auch wissentlich, überrascht zu werden und am ersten Feiertage früh studirte ich das liebe Blättchen, das seitdem nun auch mein inneres Eigenthum geworden ist, das Alle erfreut und mich stets von neuem, die Ihnen innig dafür dankt. wären Sie selbst nur ein Stündchen unter uns gewesen! es war solch eine schöne Feier des Abends, Alle waren so befriedigt. "Wer waren AIle?" fragen Sie -- nun, außer den Unsrigen der liebenswürdige Engländer und der feurige Holländer mit denen wir Späße aller Art trieben. Bennett freute sich über Ihre Karte und Verhulst schlug im Gefühle der Schuld an seine Brust " ich habe noch nicht geschrieben!" bei Tische tranken wir Ihr Wohl, so es oft geschieht und ich meine, Sie müssten es fühlen, wie Sie uns fehlen und wie wir so oft Ihnen unsere freundlichsten Gedanken hinübersenden. Die Ihrigen habe ich alle in der Romanze gefunden und mich untergetaucht in das Meer der schönen Erin_erungen, die in jedem Accorde sich neu zur Gegenwart gestalten und fort und fort durch die Zukunft tönen werden. Am Neujahrstage, wo Bennett hier aß, spielte ich die beiden ersten Stücke aus der Kreisleriana, die ich jetzt eifrig studire -- er fand sie sehr schön, namentlich das zweite mit der Originalmelodie (mein Liebling), noch mehr aber erfreute ihn die f- Romanze, die zu aller Herzen dringt, auch zu des alten Papa Rochlitz seinem. Auch an meinem Geburtstage, wo mir Bennett ein wunderschönes Schreibzeug nebst Blumen u freundlichen Worten sandte, fehlten Sie mir am Abend in demselben stillen, harmlosen Kreise -- unser Freund ist derselbe wie vor zwei Jahren, nur männlicher durch einen bedeutend im Werden begriffenen Backenbart und durch die Sicherheit, mit der er sich in den hier halbheimisch gewordenen Umgebungen herumbewegt -- er hat noch manchen andern Engländer hergezogen, die sich Alle hier wohlgefallen. Ueber Musikbetriebe der letzteren Zeit werden Sie so viele Berichte empfangen haben, daß die Meinigen am Ende nur Wiederholungen herbeiführen und so will ich vom Allgemeinen lieber schweigen und nur das Besondere erwähnen, um unsere Meinungen darüber auszutauschen, denn daß nun den Tönen nun auch bald Worte folgen werden, das glaube ich fest und sicherlich. Thalberg also war die neue Erscheinung, die alle Erwartungen spannte, alle Conversationen lange vorher füllte, alle Füße schneller bewegte und alle Augen und Ohren doppelt öffnete! fürwahr, die Fama sagte nicht zu viel von seiner extravaganten Virtuosität, seinem Zauberspiel und wie denn die Worte alle heißen mögen, in die man seine Glanzeigenschaften kleidet. Auch mich hat er entzückt und doch -- wollte mir es im Innern nicht ordentlich warm werden, doch verflog der Eindruck wie ein Rausch des sprudelnden Frankenweines, doch fehlte das allbelebende Princip? das klingt fast wie Tadel -- wie könnte ich mich ermessen, einen Thalberg zu tadeln? nein, Sie kennen mich besser, doch eben deshalb musste ich es Ihnen sagen, wie mir 's um Herz war; ging es mir ja mit de Bériot ebenso und - erinnern Sie sich Ihres eigenen Ausspruches, als wir heimgingen?
-- -- -- Von Hauptman_ aus Cassel erhielt ich kürzlich einen höchst gediegenen Brief, ich wollte, Sie könnten ihn lesen, seine Ansicht über die Hugenotten ist klassisch ausgesprochen und passt vor Ihren Augen. Was schaffen Sie Neues? wie leben Sie? viel möchte ich wissen, noch viel Ihnen sagen, doch meine Zeit ist abgelaufen und ich lege scheidend noch die Bitte an Ihr Herz, mir bald eine Nachricht zukommen zu lassen; Alles, Alles intressirt uns ja so sehr und weniger schmerzlich wird uns die Trennung, versüßen wir sie uns auf solche Weise. Mein Mann grüßt Sie herzlich und Ottilie gedenkt Ihrer lebhaft und spricht oft Ihren Namen aus!
Ihre treuergebene Freundin Lenore.

  Absender: Lenore (Henriette Voigt) (931)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
97-100
 



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