19.12.2019

Briefe



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ID: 5848 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 23.12.1838
 

Wohlgeborner Hochzuehrender Herr Redacteur!
Den hier beiliegenden aus mir bekannter achtbarer Feder fließenden Aufsatz bin ich so frei Ihrer geneigten Berücksichtigung und Aufnahme in Ihre geschätzte Musicalische Zeitung zu empfehlen.Gern hätte ich schon längst Ihnen für diese mir durch ihre Frische und die Lebendigkeit ihrer Mittheilungen werthgewordene Zeitschrift hin und wieder etwas übersendet, wenn ich nicht schon so lange hoffte durch persönliche Ueberkunft nach Leipzig in den Stand gesetzt zu werden Ihre mir so schätzbare persönliche Bekanntschaft machen und daran das Uebrige knüpfen zu können. Vielleicht wird dieser mein Wunsch endlich im nächsten Jahre erfüllt. Einige meiner neuesten Compositionen werden Sie durch Buchhändlergelegenheit demnächst zu gefälliger Beurtheilung erhalten. Der ich mich Ihnen hochachtungsvoll und ganz ergebenst zu empfehlen die Ehre habe als
Ew Wohlgeboren
ergebenster
Lecerf
(Adlerstraße 6.)

Berlin d. 23 Dec. 1838.

[Beilage]

Berlin den 4ten Decembr 1838.

Verspätet.
Es hat sich in neuerer Zeit ein Vorfall ereignet, welcher unter den damit bekannten Personen der musikalischen Welt einiges Aufsehen gemacht hat und deshalb auch in Ihrer geschätzten Zeitschrift der Erwähnung nicht unwerth ist. – Die hiesige Schlesingersche Musikalienhandlung brachte bei Gelegenheit der Auction einer aufgelößten Handlung vor einigen Jahren die Platten zu einer ältern Composition des Musikdirektors Lecerf hierselbst „9 Gesänge zu Göthe’s Faust[“] käuflich an sich und veranlaßte, Behufs einer neuen Ausgabe derselben den Componisten (dessen spätere Werke gerechte Anerkennung fanden) ein einleitendes Vorwort dazu zu schreiben und überhaupt auch diejenigen Abänderungen damit vorzunehmen, welche ihm auf seinem jetzigen Standpunkte in der Kunst für zweckdienlich erscheinen dürften. Herr Lecerf unterzog sich dieser Arbeit bereitwillig und begehrte nach deren Beendigung, wie billig, ein angemessenes baares Honorar dafür, worauf aber die Schlesingersche Handlung nicht eingehen, sondern sich nur zu 6 Frei-Exemplaren der neuen Ausgabe erwähnter Gesänge verstehen wollte. Vielmehr machte sie Herrn Lecerf den Antrag die Platten von der Handlung zu erstehen, aber mit einer, gegen den Einkaufspreiß so unbilligen Forderung, daß sich alle weiteren Unterhandlungen zwischen Componisten und Verleger gänzlich zerschlugen, letzterer aber, ohne ersteren befriedigt zu haben, im Besitz des veränderten Manuscriptes blieb. – Die Schlesingersche Musikhandlung hielt sich auch eine geraume Zeit nicht für befugt diese an mehrern Stellen veränderte Ausgabe abdrucken zu lassen; vor kurzem aber muß sie andrer Meinung geworden seyn, denn sie veranstaltete einen neuen Abdruck dieser Lieder zwar mit Hinweglassung des erwähnten Vorworts, aber doch mit den nachgetragenen Veränderungen. – Herr Lecerf drang nunmehr auf das von ihm früher für seine Arbeit verlangte Honorar, jedoch vergeblich und sah sich deshalb nothgedrungen gegen die Verlagshandlung klagbar zu werden. Dieser Prozeß schwebt zwar noch, indessen ist seine Entscheidung zu Gunsten des Componisten außer allem Zweifel, und werde ich seiner Zeit nicht ermangeln Ihnen das Resultat desselben mitzutheilen. Daß nun dieser Rechtsstreit der Schlesingerschen Handlung keineswegs angenehm ist bedarf wohl nicht erst der Versicherung, und in ihrem Zorne darüber gestattete oder veranlaßte sie daß in dem in ihrem Verlage erscheinenden Berliner Conversationsblatt No. 80 eine tadelnde Recension dieser Lieder, welche Herr Professor Marx bei deren erstem Erscheinen in seiner schon längst entschlafenen musikalischen Zeitung verfaßte, kürzlich wieder auf gewärmt wurde. Die Beurtheilungen des Herrn Professor Marx sind zwar nicht allen Musik-Kennern und Freunden eine Autorität; in diesem besondern Falle aber war seine Meinung von der andrer bewährter Männer von Fach so verschieden, daß seine Mißbilligung, sie möge nun aus Ueberzeugung oder Partheilichkeit entsprungen seyn, von gar keinem Gewichte ist. Der verstorbene Fürst Radziwill hat sich unter Anderm über diese Gesänge mit ungeheuchelter Freude und ehrendem Beifall gegen den Componisten brieflich geäußert und in Folge dessen demselben schon damals den Genuß verschafft seine eigene Composition theilweise zu hören. – Ein solches Urtheil gilt mindestens eben so viel als das des Hrn Professor Marx und entschädigt tausendfach für dessen blinden Tadel. – Der Berliner Figaro bringt in seiner 249sten Nummer eine ähnlich Wiederkäuung der Marxschen Beurtheilung, offenbar auf dieselbe Weise veranlaßt wie die eben besprochene und deshalb von gleicher Erheblichkeit. Wer nun den Schlüssel zu diesen Machinationen nicht kennt, der könnte leicht zur Bewunderung der Unpartheilichkeit der Schlesingerschen Handlung hingerissen werden, wie sie es nämlich erlaubt daß einer ihrer Verlags-Artikel in ihrer eigenen Zeitschrift geringschätzig behandelt wird; wenn dieselbe aber gerichtlich gehalten seyn wird das schuldig gebliebene Honorar nachzuzahlen, so dürfte das Wüthen gegen das eigene Blut sich leicht in mildere Ansichten verwandeln, denn blinder Eifer schadet nur. –
Ich habe Ihnen zur Steuer der Wahrheit nun die nackte Thatsache ungeschminkt mitgetheilt und bitte diesen Bericht in Ihrem Blatte gefälligst aufzunehmen, was Sie gewiß um so weniger verweigern werden, als Herr Lecerf bereits als Componist gebührende Anerkennung gefunden hat und der Grund so schnöder Verunglimpfungen es wohl verdient zur Oeffentlichkeit gebracht zu werden um dem Publikum zur Warnung vor solchen Beurtheilungen zu dienen.
L . . . s.

N.S. Die verspätete Absendung des vorstehenden Aufsatzes giebt mir Gelegenheit Sie nachträglich davon in Kenntniß zu setzen daß am 10ten d. M. Hr. Lecerf in einem mit Unterstützung der hiesigen Königl. Kapelle und des Königl. Opernpersonals, veranstalteten Concert unter anderm auch die oben besprochenen Compositionen zu Göthe’s Faust und zwar mit ungetheiltem Beifall öffentlich hat hören lassen.
Derselbe.

  Absender: Lecerf, Justus Amadeus (12556)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 354-357
 



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