02.07.2026

Briefe



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ID: 5032
Geschrieben am: Sonntag 04.12.1842
 

Hochgeehrter Herr!
Wenn unter der Menge geistloser Machwerke, die uns leider heut zu Tage geboten werden, ein Werk auftaucht, wie Ihre Sinfonie, so muß sich jeder Musiker, dem es Ernst mit seiner Kunst ist, vom lebhaftesten Danke gegen Sie durchdrungen fühlen. Die wärmste Theilnahme erweckte Ihr Werk bei mir, und dem Orchester. Das Publikum gab lebhaft seinen Beifall zu erkennen; eine Genugthuung, welche selten dem Komponisten zu Theil wird, namentlich dem Komponisten einer Sinfonie. Die Ausführung Ihrer Sinfonie durfte ich eine gelungene nennen, da ein Jeder der Musiker von den Schönheiten Ihres Werkes durchdrungen war. Ich bin überzeugt, daß auch Sie zufrieden gewesen wären. Das hiesige Orchester ist durch die Gnade unseres kunstsinnigen Fürsten auf einen Achtung gebietenden Standpunkt erhoben, und darf sich dreist in die Reihe der guten zählen. Ich bedaure sehr, daß die musikalische Welt so wenig von dem hiesigen Musiktreiben erfährt, da man sich doch hier des Bekanntwerdens nicht zu schämen hätte. Wenn es Ihnen Recht ist, unterrichte ich Sie bisweilen von unsern Leistungen. Kosmaly, der sich jetzt mit unserem Theater in Münster abärgert, hat mir viel von Ihnen erzählt, so daß ich sehr bedauerte, Sie im vorigen Jahre in Leipzig nicht getroffen zu haben, um so mehr muß es mir leid thun da ich jetzt erfahren mußte, wie viel ich dadurch eingebüßt. Die Mehrzahl der jetzigen Komponisten sind aber nicht geeignet, mit Achtung von ihnen [sic] zu sprechen wie <w>Wenige findet |2| man, die es wahr und redlich mit unserer herrlichen Kunst meinen. Unser guter deutscher Boden treibt wenig kräftige Eichen mehr, aber destomehr wälsches Rohr und Schilf (Sumpfgewächse.)
Deshalb freue ich mich herzlich, in Ihnen wieder einen jener kräftigen Söhne unsres lieben Vaterlandes emporwachsen zu sehen. Mein inniger Freund Kosmaly wird Ihnen sagen, daß ich spreche, wie ich fühle. Ich freue mich auf seine Zurückkunft, die in 4 Wochen erfolgen wird, damit wir, wenn wir uns durch ein Quartett unseres Beethoven in gehörige Stimmung gesetzt haben, recht viel von Ihnen plaudern können. Er soll mir Alles erzählen, was er von Ihnen weiß, und es müßte traurig um meine Casse bestellt sein, wenn nicht eine oder besser einige Flaschen Johannisberger auf Ihr Wohl, und auf die Hoffnung, noch mehr dergleichen Werke, wie Ihre Sinfonie von Ihnen zu erhalten, geleert würden. Von jedem Schauderzeug wie Donizetti et Consorten haben wir gedruckte Partituren, warum nicht von Ihrer Sinfonie? Ich habe mir eine schreiben lassen. Diese Verleger sind doch wahre Vampyre. Haben Sie die Güte, denselben das gelegentlich unter die Nase zu reiben. Ich hätte mich gern länger mit Ihnen unterhalten, allein ich befürchte, Ihnen die Zeit zu rauben. Nehmen Sie die Versicherung der unbegränzten Hochachtung für Sie und Ihre Werke, von Ihrem
Verehrer
Aug Kiel.
Concertmeister.
Detmold v 4ten Decbr 1842.





  Absender: Kiel, Clemens August (41200)
  Absendeort: Detmold
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort: Leipzig
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 25
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Nordwestdeutschland / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Michael Heinemann, Anselm Eber, Thomas Synofzik, Jelena Josic und Arend Christiaan Clement / Dohr / Erschienen: 2025
ISBN: ISBN 978-3-86846-050-6
906ff.

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 14 Nr. 2430
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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