02.07.2026

Briefe



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ID: 25256
Geschrieben am: Freitag 08.02.1867
 


Cöln Frankstrasse 11 d. 8ten Februar 1867
Liebe Frau Schumann! –
Sie wissen, wie große Freude Sie mir durch Ihr Andenken für meinen Geburtstag gemacht haben, und wie ich es Ihnen danke, daß Sie nach so viel Reisestrapatzen, unter so viel andern Anforderungen die Zeit gefunden haben, mir ein freundliches Wort zu sagen. Dazu gehört eben ein solches Gefühl für die Empfindungen Anderer, und eine solche Energie in der Bethätigung, wie Sie sie haben, und wie sich beides nicht oft zusammenfindet.
Ich hätte Ihnen gern gleich Freude und Dank ausgesprochen; doch war mein ┌erster┐ Brief kaum einen Tag unterweges, als der Ihrige ankam, und so verschob ich die Antwort; hoffentlich haben Sie jenen ersten erhalten, und darin die Erklärung gefunden, daß ich nicht eher wiederschrieb. – In den letzten 8 Tagen war ich zum Schreiben nicht recht fähig, weil ich einen Entschluß zu fassen hatte in einer Angelegenheit, wo Für und Wider sich so im |2| Gleichgewicht zu halten schien, daß ich garnicht mit mir ins Reine kommen konnte, und solche Unschlüssigkeit ist ┌ja┐ die peinlichste Situation. Ein sehr lieber Freund hatte mich nämlich aufgefordert, mit ihm in der nächsten Woche auf etwa 4 Monat nach Italien zu gehen; eine ┌ähnliche┐ <solche> Reise war mir seit Jahren von meinen Eltern versprochen, eine angenehmere Begleitung konnte ich mir nicht wünschen, und so können Sie sich vorstellen, wie groß die Lockung war, noch obenein da man sich sagen kann, daß eine solche Reise nicht nur Vergnügen sondern ebenso eine der größten Erfahrungen für das ganze Leben ist. Auf der andern Seite stand aber die traurige Wahrheit, daß ich im vorigen Jahr fast den ganzen Sommer Urlaub gehabt und meine Berufspflichten hier versäumt hatte, kurz daß ich gegen verschiedene Leute ziemlich unverantwortlich verfahren würde, ┌wenn ich ginge┐ und so bin ich denn seit vorgestern zu dem Resultat gekommen, daß es richtiger ist, hier zu bleiben. Ich hatte mir nebenbei |3| schon so hübsch ausgedacht, Brahms auf der Durchreise in Wien zu besuchen, und ┌überhaupt war mir in den paar Tagen <war> <┌mir┐> das Ganze mit tausend schönen Einzelheiten so lebendig geworden, daß ich jetzt kaum daran glauben mag, daß es mit dem Allen wieder vorbei ist. – Sie haben keine Sympathie für Italien, begreifen aber doch wohl, wie andre Leute sie haben könnten, und zwar ganz anständige Deutsche, also lachen Sie mich nicht aus für diesen kummervollen Erguß.
Hätte ich mich übrigens anders entschieden, so wäre es mir doch auch nicht ganz leicht geworden, hier fortzugehen. – Ich habe Manches, was mir Freude macht; erstlich interessiren Schüler doch immer, wenn sie nur etwas Talent haben, und man giebt sie nicht gern in andere Hände; dann aber habe ich jetzt Freude an einem kleinen Privatchor, der sich wöchentlich einmal bei Bels unter meiner Leitung versammelt<;>. <w>Wir studieren hauptsächlich Bachsche Cantaten<-> und altitaliänische Sachen, und das Kennen-|4|lernen von so manchem unbekannten schönen Werk, das Stöbern in den Bachbänden macht mir ganz große Freude. Neulich entdeckte ich eine Cantate in Fmoll, deren Anfangschor theilweise für das Crucifixus in der Hmoll Messe benutzt ist; ich war ganz entzückt von dem wunderbaren Stück, und mußte gleich lebhaft daran denken, wie Sie sich darüber freuen würden. Diesen Chor haben wir auch ausschreiben lassen und zwei Mal gesungen. Wären unsere Mittel etwas größer, und wären nicht Bels starke Heiden in Beziehung auf Brahms, so möchte ich zu meinem und unserem Privatgenuß das Brahms’sche Requiem studieren; es sind doch einige ächt musikalische Naturen darunter, die dafür Sinn haben würden; aber abgesehen davon, daß es wohl schwer halten würde, die Musik zu bekommen, darf ich es jetzt für den Anfang noch nicht wagen, Bels, ┌die das Ganze angeregt haben┐ mit solchen „extravaganten“ Vorschlägen zu kommen; später sind sie vielleicht eher zu gewinnen. –
|5| Unsere öffentliche Musikmacherei in letzter Zeit war ziemlich öde; Davidde penitente von Mozart mit zwei sehr schönen Chören, und sehr zopfigem Sopransolo klang von dem mageren Concertchor im großen Raum höchst erbärmlich, dazu ein langweiliger Doppelchor von Scholz, eine Suite von Lachner, eine Rossinische Arie, und als einzigen Trost das dmoll Concert von Mozart, von Hiller gespielt. Im nächsten Concert kommt Berlioz!! und Jaell mit einem neuen Hillerschen Clavierconcert. Anstatt dieser Freude möchte ich einige Abende von den vielen, die Sie und Joachim jetzt den Schotten und Engländern schenken, mitgenießen.
Grüßen Sie den letzteren, – nicht die letzteren – herzlich von mir, und danken Sie ihm auch in meinem Namen für alle Freundlichkeit, mit der er den jungen Wolff in Paris so sehr beglückt hat. –
Heute ist unglaublich scheußliches Wetter, und ich fürchte, Sie werden bei dem vielen Hin und Herreisen recht darunter leiden. |6| Ihre Ankunft mit dem Dampfboot muß ja ganz arg gewesen sein. –
Nun lassen Sie mich hoffen, daß es Ihnen trotz Sturm und Nässe gut geht, haben Sie noch einmal Dank für Ihren lieben Geburtstagsbrief, und seien Sie mit Fräulein Marie herzlich gegrüßt
von Ihrem treu ergebenen
Ernst Rudorff.

  Absender: Rudorff, Ernst (1307)
  Absendeort: Köln
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort: London
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 11
Briefwechsel Clara Schumanns mit Ernst Rudorff und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2023
ISBN: 978-3-86846-022-
301-304

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr.Dresd.App.3222,B,35
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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