1. Mai 90
Liebe Clara.
Ich habe so eine leise Ahnung als ob Du allernächstens einen Briefbogen vor Dich hin legst u. anfängst: Lieber Johannes. Für den Fall möchte ich recht schön gebeten haben daß Du dann allsogleich von besseren, angenehmeren u. erfreulicheren Sachen schreiben mögest, namentlich aber erzähle mir wie es Dir geht, wie es |3| in B-Baden war u. was Ihr für den Sommer für Pläne habt!
Meine kurze ital. Reise war, wie gewöhnlich, sehr schön. Bei lieblichstem Frühjahrswetter spazierten wir höchst behaglich am Garda- u. Comersee u. in einer ganzen Anzahl köstlicher Städte herum. Bergamo, Brescia, Piacenza, Como, Parma, Cremona, Padua, Vicenza, Verona – wie mir so die Namen einfallen.
Uns beiden lauter Bekanntes u. in jeder Stadt waren wir überrascht
über Unerwartetes u. entzückt von wieder Gesehenem
|2| Mein Regenschirm flog in den Comersee – aber auf der ganzen Reise hatten wir keinen Tropfen Regen, nur bisweilen Nachts wurde ein wenig aufgespritzt.
Auf der ganzen Reise waren wir in keinem Hotel, immer in höchst
behaglichen ital. Albergo, das wir jeden Tag u. in jeder Beziehung zu loben hatten, namentlich auch die großen Betten in denen man spazieren schlafen konnte.
Von allem Herrlichen, das wir gesehen, mag ich nicht erst anfangen;
Vielleicht hast ┌Du┐ das Buch von Widmann gekriegt daß [sic] ich Dir
schickte u. hast Lust gefunden, darin zu lesen, dann hast Du auch beiläufig von der heurigen Reise eine Vorstellung.
|4| Also, l. Cl. das Couvert gilt als Gratulation, im Brief aber erzähle mir, ob Du in Baden recht schön spazieren gehn konntest u. daß es Dir jetzt allervortrefflichst geht.
Daß Maszkowski nach Breslau kommt weißt Du wohl u. eine ganze
Serie neuer Herzogenbergs11 hast Du u. bekommst Du wohl.
Wie gern freute man sich mehr über das enorme Anschwellen dieser
Opera. Es geht nicht u. wenn man den Fleiß u. A. noch so sehr überschätzte – einen Tropfen Blut!
Herzlichste Grüße von
Deinem Johannes.
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