Frankf. d. 21 Jan. 90.
Liebe Freunde,
nur einen kurzen Dank kann ich Ihnen Beiden sagen, da ich seit fast 4 Wochen an Influenza liege, und erst jetzt ab und zu das Bett verlasse. Ich wollte aber doch nicht länger säumen Ihnen zu sagen wie herzlich Sie mich durch Ihre |2| Briefe erfreut, und wie von ganzem Herzen ich Ihre guten Wünsche erwiedere. Möchten vor allem Sie, liebe Frau Fellinger ein besseres Jahr gesundheitlich haben! – Wie traurig haben Sie das Weihnachtsfest verbracht! Gott sei Dank, daß Sie nun doch Alle wieder hergestellt sind. Es ist eine abscheuliche Krankheit |3| diese Influenza! ich habe peinliche Tage gehabt, wie Ihr lieber Mann fast 3 Wochen Nichts essen können, und bin in einer Art matt, wie ich nie etwas erlebt. Nun, man muß ja sehr dankbar sein, wenn man überhaupt wieder gesund wird. In meiner nächsten Bekanntschaft sind so viele Todesfälle, daß es ganz niederdrückend ist. Am Schluß des Jahres |4| wurde mir noch ein sehr schmerzlicher Verlust, der meines ältesten, treuesten Freundes, Bendemann. Das war ein harter Schlag, den ich nie mehr verwinden werde. Den einen Trost hatte ich noch, ihn kurz vor seinem Tod zu sehen – ich war dort mit Marie für 3 Tage, (sah auch Frl. Leser nach langer Zeit wieder) und fand ihn wohler und frischer als seit Jahren. Die arme Frau muß nun so allein fortleben – wie sie es trägt, ich fasse es kaum. Ihnen stehen nun ja herrliche Genüsse zu Gebote – möchten Sie ungetrübten Genuß haben können, und vor allem Beide gesund sein mit den lieben Söhnen. – Ich schreibe im Bett, bitte daher um Nachsicht! Getreu Ihre Clara Schumann.
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