02.07.2026

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19321
Geschrieben am: Sonntag 22.12.1844
 

Leipzig den 21 Decbr. 1844.
Liebe Frau Doctorin,
Für das Wehe über Ihren Abschied von Leipzig war mir Ihr <>Brief der erste lindernde Balsam, denn er zeigt mir, daß mir Ihre freundliche Gesinnung, die ich um nichts verlieren möchte, bleibt, während durch Ihren Wegzug für mich eine Lücke gebildet wird, die sich nicht ausfüllen kann. Daß Sie die mühevollen Tage glücklich überstanden haben, freut mich; das Wenige, was hier noch zu besorgen war, habe ich abgethan. Das Bild will H. Rost nicht benutzen, und daran that er sehr wohl; er rechnet darauf, daß Sie die Gefälligkeit haben werden, Sich von einem der guten Dresdener Maler für seinen Almanach malen zu lassen, und ich habe ihm natürlich selbst überlassen, sich darüber mit Ihnen in Bezug zu setzen. Der Frege habe ich das Buch, was Schumann von ihr geliehen hatte, zurückgegeben, für Ihre Blumen <>hat sie durch den Gärtner gesorgt. <> Ihr Lebewohl überbrachte ich <Derselben>, und ich habe bei dieser Gelegenheit die Frege noch um Vieles lieber gewonnen, weil sie die Betrübnis über Ihren Weggang mir wahr und schön zu erkennen gab. Der Pelz folgt hier bei, und ist sehr schön, er wird Schumann’s Beifall haben. Ich schicke ihn in meinem Reisekoffer, |2| um etwas zu ersparen, für eine Kiste sollte ich ½ Thaler geben, dagegen wird meinen leeren Koffer zurückzuschicken gewiß weit weniger kosten, auch liegt das Kleidungsstück noch besser in diesem Koffer. Die Rechnung vom Schneider beträgt 4 rh. 10 Ng. die vom Kürschner 4 rh. 5 Ng., ich habe sie nicht beigelegt, damit ich sie Ihnen quittirt schicken kann. Das Geld für den Kürschner bitte ich Sie noch vor den Feiertagen zu schicken, er ist sehr arm und braucht es nöthig. Noch vergaß ich über Ihr Bild zu fragen: Soll ich es hier behalten, oder Ihnen schicken? Ich habe es heute unterwegs bei Whistling eingelegt, und in diesem Augenblicke nicht mehr Zeit es vor Abgang des Koffers holen zu lassen. Wie leid that es mir jetzt, daß ich von Ihnen und Ihrem Manne kein gutes Bild habe, wenn Sie einmal nach Leipzig kommen, sitzen Sie einmal zu einem Daguerreotyp-Bilde, nicht wahr? Der Prof. Bock hat es mir längst versprochen, ich habe nur immer keine für Sie beide günstige Zeit – wo ich es Ihnen hätte zumuthen dürfen – gefunden.
Vorgestern wurde hier im Theater die Oper Tell gegeben, <> zu Ende des vorletzten Akts fiel Fritz Kistner vom Schlag getroffen in der Loge um, und starb noch in derselben Nacht. Denken Sie, wie wunderbar! Schon öfters |3| hat Fr. Kistner den Regisseur Marr angegangen, er solle doch einmal das Lustspiel Hans Luft bringen, es sei ein Lieblingsstück von ihm. Marr hat ihm erwiedert „das wird schwer halten, es ist ja ein altes und zu werthloses Stück.“ Vorige Woche fragt Kistner den Marr wieder „Nun, bekomme ich Hans Luft nicht zu sehen?“ Marr: „Nein, Herr Kistner, in diesem Leben nicht!“ Freitag Abend stirbt Kistner im Theater, und den- <Tag> selben Nachmittag hat man eine schnelle Stücks-Aenderung für den folgenden Tag nöthig, da läßt Marr, um endlich Kistnern seinen Wunsch zu erfüllen, Hans Luft ansetzen, was dann auch gestern gegeben wurde, während der arme Kistner schon auf der Bahre lag.
Verweilen <Ich lasse> Sie Augenblicke bei dieser Trauerscene <verweilen>, aber dann wenden Sie Sich zu dem, was Sie zunächst umgiebt, und das ist vor Allem ein fröhliches Weihnachten, welches ich Ihnen mit Ihrem geliebten Mann und den herrlichen Kindern von ganzem Herzen wünsche. Wie betrübt es mich, zu sehen, daß eine bange Stimmung sich Ihrer zu bemeistern unternimmt. O, verscheuchen Sie diese, liebe Frau Doctorin, sie ist weder innerlich noch von außen her begründet. Sie haben Sich nicht mit dem Schicksal in Einigkeit zu setzen, nichts von Ihrem vor-|4|hergehenden Leben wegzuwerfen, und dürfen <des>dem folgenden ruhig entgegen sehen, es wird harmonisch mit <jenem>dem ein schönes Ganzes bilden. Mit Ihrem liebevollen Sinn, Ihrer Ordnung im Glück, Ihrem Muth im Widerwärtigen, Ihrer Sorge für das Geringste und einer Seele fähig das Größte und Schönste zu fassen, wie dürfen Sie ein anderes als ein glückliches Leben vor sich sehen! Damit Sie aber Ihr Leben, <>an dem das Glück eines trefflichen Mannes und hoffnungsvoller lieber Kinder <ab>hängt, und das von so manchen Freunden hoch und werth gehalten wird, auch in voller Gesundheit und Kraft erhalten, seyn Sie bemüht Gefühlen unbegründeter Furcht und Bangigkeit nicht Raum zu geben. Genießen Sie das Lebensglück, wie es Ihnen gegeben ist, walten Sie darin fort in Ihrer Weise, sie ist gewiß die rechte, und der Himmel wird das Andere fügen, Sie sind in seinem Schutze. Es freut mich unendlich, daß Schumann sich wieder so wohl fühlt, bringen Sie ihm meine herzlichsten Grüße, bald schreibe ich ihm selbst einmal. Lassen Sie Sich noch einmal für Ihre lieben Zeilen von mir herzl. danken, es wird mich glücklich machen, wenn Sie mich auch aus der Ferne wissen lassen, was Ihnen und den Ihrigen – Freud oder Leid – begegnet. Möge es immer nur das erstere seyn.
Ihr
Sie innig verehrender Freund M. E. Reuter

  Absender: Reuter, Moritz Emil (1261)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort: Dresden
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 21
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1828 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Eva Katharina Klein und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2025
ISBN: 978-3-86846-031-5
727-730

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 1,44
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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