05.01.2022

Briefe



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ID: 18888
Geschrieben am: Donnerstag 01.05.1873
 

Hochverehrte Frau!

Die Gefertigten haben, zu ihrem größten Leidwesen, die niederschlagende Nachricht erhalten, in welch’ unzarter Weise, Ihnen von unberufener Seite die Wahrheit entstellende Mittheilungen über die Wirksamkeit unseres Comité’s gemacht worden sind. Es thut uns geradezu weh, daß wir, zu spät in Kenntniß gesetzt, Ihnen, hochverehrte Frau, diese Kränkung nicht ersparen konnten, doch glauben wir durch klare |2| schlichte Darlegung des wahren Sachverhaltes unsere böswilligen Angreifer am besten zu entwaffnen und Sie selbst zu beruhigen. –
Dem Beispiele Berlin’s folgend trat auch in Wien ein Kreis von Schumannverehrern zur Überreichung eines Ehrengeschenkes an Frau Clara Schumann zusammen, herzlich bemüht, nur auf privatem Wege zu wirken und jede Publikation ängstlich vermeidend. Unser Comité hat sich dieselbe Aufgabe gestellt; wir betrachten ein solches Ehrengeschenk als den schönsten Beweis dankbarer Verehrung |3| für den unvergeßlichen Meister, Robert Schumann und Sie selbst, hochverehrte Frau, deren unübertroffene Leistungen uns so oft zum tiefsten Gefühl des Dankes erregten. Wenn es uns nicht gelungen ist den weihevollen Sinn der uns erfüllte auf alle Betheiligten zu übertragen, wenn zwischen den vielen Beweisen feinssten [sic] Zartgefühls die wir allenthalben angetroffen, eine einzelne Gemeinheit, vielleicht auch nur eine derbe Ungeschicklichkeit steht, so lassen Sie das uns nicht entgelten, die wir mit solcher Liebe und Begeisterung |4| mit einem gewissen, freudigen Stolz und dem besten Willen einen Zweck verfolgten – der uns einmal Gelegenheit geben – sollte unsere warmen Gefühle von Dankbarkeit und tiefer Verehrung auszudrücken.
Und ist die Idee, von der mehrere Künstlerinnen ausgingen, an sich nicht schön, daß jedes in seiner Weise – zum Gelingen des freundlichen Werkes beitragen wollte, seine Kraft, sein Talent mit freudigem Gefühl dafür einsetzend?
Daß die – freundliche Absicht durch eine, die Thatsachen |5| entstellende Zeitungsnotiz in die Öffentlichkeit kam ist nur das Werk der Indiscretion einer böswilligen oder taktlosen Persönlichkeit. Nur um Ihrer selbst willen, hochverehrte Frau, bedauern wir es tief, daß es dem Neid
und der Schadenfreude gelungen ist, die Handlungsweise so vieler – aufrichtiger Anhänger zu verdächtigen und unsere einzige Hoffnung beruht in dem festen Glauben daß dieser bedauerliche, unsererseits unverschuldete Zwischenfall Sie nicht an uns irre machen kann. |6| So legen wir denn vertrauensvoll die Entscheidung in Ihre Hand und bitten Sie herzlichst die Böswilligkeit nicht siegen zu lassen u. uns nicht die große Freude zu verleiden, die uns der Gedanke einflößte daß es uns vergönnt sei – der allgemeinen Liebe für die hochgeehrte – Meisterin – Ausdruck geben zu dürfen.
Marie Kinsky Liechtenstein
Caroline Gomperz Bettelheim
Marianne Mayrhofer
Bertha Faber
Betty Oser
Dr. Billroth
Aug. v. Miller

  Absender: Kinsky, Fürstin Marie, geb. Prinzessin Liechtenstein (14051)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
660ff

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 3,123
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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