02.07.2026

Briefe



Rückwärts
	
ID: 18482
Geschrieben am: Samstag 19.08.1854
 

Düsseldorf den 19t August 54.
Hochverehrte Frau Schumann!
Wie soll ich Ihnen für die freudige Ueberraschung danken, die Sie mir durch Ihre herzlichen Worte bereitet? – Verdiente ich wohl eine so große Freundlichkeit, da ich nur dem unabweisbaren Drange meines eigenen Herzens gefolgt bin? – O wie wäre ich glücklich, wenn ich Ihnen recht, recht viel zu Gefallen thun könnte, – aber was kann ich denn? – – – Ihre freundliche Einladung nach Ostende macht mich froh u traurig, – Ersteres, weil Sie sie thun u mir damit Ihr Mitleid mit dem Einsiedler bezeigen, – Letzteres – weil <eß> es nicht angeht, – ich muß nun einmal die Krähwinkelei studiren – vielleicht ist es mir gut. – So eben war ich in Ihrer Wohnung u. erfuhr durch Frl. Bertha, daß sämmtliche Kinder wohl u. munter seien, den jüngsten Sprössling sah ich u. bekam von ihm das freundlichste Lächeln zum Gruß, dessen sein kleiner Mund u seine blauen Augen fähig sind; seine Amme lobte ihn ganz absonderlich – u. rühmte sein artiges Betragen u. seinen |2| ruhigen Schlaf in den Nächten; – der Himmel erhalte dem wonnigen Kinde diese ungetrübte Jugend! Die beiden älteren Fräulein wurden zu einer Rheinpromenade erwartet. – Frl Bertha wird Ihnen morgen mehr Détails geben, wenn sie Reimers’ Brief mit ihren Worten begleitet. – In Endenich geht es hoffentlich den ruhigen Entwicklungsgang fort – seit ich den viel verehrten Herrn Schumann gesehen u gehört, u den Arzt gesprochen, – hat mich eine weit festere Zuversicht erfasst – mir ist, als könne die Hoffnung auf Genesung nicht trügen: o könnten auch Sie sich einer ruhigeren Zuversicht hingeben! Wie lange es dauern mag, wer kann es wissen? Wollen wir uns nur dankbar über die bisherigen Resultate freuen, die ja die Erwartungen der Ärzte schon jetzt bei Weitem übersteigen (wie mir Dr. Peters selbst sagte). – Die Reimersschen Nachrichten von morgen werde ich wohl erst Montag erfahren, da ich morgen meinen Petersburger Freund, den Maler Budkowsky bis Cöln begleite, von wo dieser nach Brüssel u. Antwerpen zu gehen gedenkt. Sie können sich denken, verehrte Frau Schumann, wie sehr es mich innerlich zieht u. treibt, ihm von Cöln aus weiter zu folgen, bis ich in Ostende bei Ihnen an-|3|klopfe, aber das soll nun nicht sein. – Bis jetzt habe ich die complette Einsamkeit noch nicht empfunden, denn als ich Montag Abend spät hier eintraf, fand ich in meiner Wohnung den Freund wohlgebettet vor, – das gab denn die ganze Woche ein Erzählen u. vertrauliches Schwatzen, da wir uns 3 1/2 Jahr nicht gesehen. Nun geht aber auch dieser fort u. – dann – –; – aber wie groß wird die Wonne sein, wenn Sie wieder da sind, u. wenn dann mein blonder Kreisler auch voll Wundergeschichten zurückgekehrt ist! – Leider wird er bei seiner Rückkehr mit seinen Capitalien wahrscheinlich so bestellt sein, daß er ebenso wie ich, auf die Wonne, die Antwerpener Orgel mit einer Bachschen Fuge einzuweihen, Verzicht wird leisten müssen; – doch ist noch abzuwarten, wer früher heimkehrt, Sie oder er. – Wenn Ihnen das fortgesetzte Bad wohlthut, o so bleiben Sie doch recht lange – Kreisler u ich werden unseren Egoismus so wacker bekämpfen, wie es gehen wird. – Wie befindet sich Frl. Reichmann u Frl. Leser u Frl. Jungé? Ich denke mir, <s>Sie |4| müssen bis weilen recht heitere Stunden im Kreise Ihrer Freundinnen verbringen, – denn Frl. Reichmann versteht es wohl, mit Ihrer treuherzigen Laune die Herzen einzubalsamiren, – u. Frl. Leser bleibt Ihnen die treue mitfühlende Gefährtin. Wie geht es mit dem Ohrenbrausen? – Badet Frl. Leser auch? – Und üben Sie, verehrte Frau Schumann wirklich Terzen u Sexten? – Halb bemitleide ich Sie ob Ihres Ton-discreten Pianino’s, da Sie Ihres Flügels gewohnt, – halb freue ich mich, daß der Mangel an Ueberfluß von Tonfülle der Kräftigung Ihrer Nerven keinen Hemmschuh in den Weg legen wird. – Aber da schwätze ich in den Tag hinein u belästige Sie mit Worten, die genau besehen nichts weiter enthalten, als die Sehnsucht, wenigstens in Gedanken bei Ihnen zu weilen, – verzeihen Sie mir, daß es mir schwer fällt aufzuhören: es soll aber hiermit gleich geschehen. – Apropos, von Kreisler weiß ich nichts, ich habe ihm aber über Endenich Alles geschrieben u bin überzeugt, daß auch er das zu erlangen suchen wird, was mir gelang. – Leben Sie wohl, verehrte ◊1Frau Schumann – u grüßen Sie die drei Damen herzlich von Ihrem Sie mit ganzer Seele verehrenden
Grimm –
Schadowstraße 72. –





  Absender: Grimm, Julius Otto (575)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort: Ostende
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 25
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Nordwestdeutschland / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Michael Heinemann, Anselm Eber, Thomas Synofzik, Jelena Josic und Arend Christiaan Clement / Dohr / Erschienen: 2025
ISBN: ISBN 978-3-86846-050-6
566-569

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 1,138; Abschrift in Münster, Stadtarchiv, s: Nachlass Julius Otto Grimm Nr. III
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

Fehlerbeschreibung*





Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.