19.12.2019

Briefe



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ID: 18460 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 28.10.1887
 

Viel Liebe hat unsere theure Entschlafene, die in ihrem Leben viel Liebe gesät hatte, noch in ihrer letzten Krankheit geerntet.
Dafür und für die Theilnahme an unserem Schmerze, die uns nach ihrem Heimgange in Wort und Händedruck und Schrift sowie in dem herrlichen Blumenschmuck und im Geleit zu ihrer letzten Ruhestätte in so trostreicher Weise kundgegeben worden ist, sprechen wir unseren herzlichen Dank aus.

LEIPZIG, den 25. October 1887.

Dr. jur. Julius Gensel,
zugleich im Namen der Kinder, der Schwiegermutter
und der Geschwister.

Für die Freunde in der Ferne füge ich noch folgende Mittheilungen hinzu. Unsere theure Entschlafene war seit länger als einem Jahre wieder von der, den Ärzten noch räthelhaften Basedow’schen Krankheit heimgesucht, von welcher sie vor drei Jahren sich in so erfreulicher Weise erholt hatte. Einer scheinbaren Genesung um Weihnachten v. J. folgte bald ein stärkerer Anfall, und seit dem Frühjahr war sie an den Rollstuhl, zeitweise an’s Bett gefesselt. Auf ihren eigenen Wunsch, den die Ärzte billigten, gingen wir im Juli(im Krankenwagen) nach Ilmenau, wo wir im Hause meines Jugendfreundes Dr. Preller die liebevollste Aufnahme und beste Pflege fanden. Während des 9wöchentlichen Aufenthaltes in der dortigen köstlichen Luft hatte ihr Zustand sich erheblich gebessert, und mit neuer Zuversicht der Genesung kehrten wir Mitte Septbr. zu unseren Kindern zurück. Im Rollstuhl sitzend, nahm sie an unseren Mahlzeiten theil, genoß den Garten und den nahen Wald, ließ sich vorlesen, vorspielen und singen. In den letzten Tagen vor dem Ende machte sich öftere Schwäche und Theilnahmlosigkeit bemerklich, doch plante sie noch am Freitag einen Besuch bei meiner Mutter in Gohlis, und noch am Sonnabend hat sie an einer Stickerei für meinen Geburtstag gearbeitet. Gegen Abend trat große Schwäche, Beschleunigung des Pulses und Unruhe mit Bewußtlosigkeit ein; zuletzt ist sie ruhig u. schmerzlos eingeschlafen. Nicht auf ewig ist sie uns entrissen, u. was sie mir in unserer 23jährigen glücklichen Ehe und unseren Kindern gewesen, das ist ein unverlierbarer Gewinn. Ein großer Trost ist es uns aber, daß meine Mutter und Schwester unser Hauswesen mit uns theilen wollen.
Julius Gensel.

28. Oct. 1887

  Absender: Gensel, Julius (526)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.15, S. 200ff.
 



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