05.01.2022

Briefe



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ID: 18251
Geschrieben am: Donnerstag 16.03.1865
 

Monrepos, d. 16. März 65
Meine liebe Frau Schumann!
Wie oft sind meine Gedanken zu Ihnen geeilt, seitdem ich Ihren einzig lieben Brief in Händen hatte. Aber leider durfte ich keinem dieser Gedanken Ausdruck geben, da ich an den Rötheln krank lag, u 6 Wochen lang weder lesen noch schreiben durfte, sondern immer im Dunkeln sitzen mußte, wegen meiner Augen. Fast täglich schrieb ich in Gedanken Briefe an Sie, u ganz besonders, als ich von Ihrem Unfall hörte. Es war sehr, sehr hart für Sie, u muß Ihre Geduld auf die Probe gestellt haben. Als wir von Arolsen zurückkamen, hatten wir Prof. Sohn u. seine Tochter an die Eisenbahn bestellt. Sie erzählten mir viel von Ihnen. Es thut mir so leid, daß der arme Prof. Sohn eine Augenkrankheit hat. Wir haben ihn gebeten, uns während der Zeit seiner Unthätigkeit zu besuchen; solange aber noch Schnee hier ist, wird er gewiß nicht kommen. Wie glücklich würden wir sein, in diesem Frühjahr auf Ihren lieben Besuch hoffen zu dürfen; es [ist] Mama’s größter Wunsch, Sie endlich kennen zu lernen; denn Sie sind ihr schon lang keine Fremde, wie Sie sich wohl denken können! Sie wissen gar nicht, wie oft wir von Ihnen sprechen u wie viel öfter ich an Sie denke! – Ueber einen Gruß aus Bremen habe ich mich unbeschreiblich gefreut. Die Sie darum bat, ist die Mutter von dem musikalischen Knaben, Carlitos Scharfenberg, von dem ich Ihnen vorigen Sommer schrieb. Sie ist eine höchst geistreiche u originelle Frau, eine sehr liebe Freundin von Mama, die wohl wußte, wie ich an Ihnen hänge, u mir deßhalb augenblicklich schrieb, nachdem sie Sie gesehen hatte. – Sie ist eine Creolin, lebte früher in der Havanna, wo sie für meinen Vater u Onkel voller Freundlichkeiten war u ihnen schon zur Freundin wurde. Wenn Sie sie näher kennten, würden Sie sie ebenso gern haben als wir.
Ich weiß nicht, ob ich Ihnen erzählte, daß mir die Großfürstin voriges Jahr 100 Rubel schenkte, als fond für ein Klavier, u nun habe ich mir in dem ganzen Jahr soviel gespart, daß ich drauf u dran bin, zu dem Ziel meiner Wünsche zu gelangen: Frau v. Callergi-Muchanow ist ins Innere von Rußland gezogen, u verkauft deßhalb ihren Bösendorfer Flügel, der noch ganz neu ist, für den geringen Preis von 650 fl. Ich halte nun die Hand darauf, u finde daß ich ein Glückskind bin[.] Nichtwahr, Sie freuen sich für mich, liebe Frau Schumann? Einen ganz neuen Flügel hätte ich mir ja nie anschaffen können, u darum bin ich sehr glücklich über diese Gelegenheit. Daß es ein Wiener ist, giebt mir die Versicherung daß er sich leicht spielt, was für meine schwachen Finger sehr wichtig ist. – Seit dem 15. Januar habe ich keinen Ton mehr gespielt; denn während meiner Krankheit habe ich ganz rasende Nervenschmerzen in den Händen gehabt, so daß ich jetzt täglich nur einen Brief schreiben darf, u sonst weder spinnen, noch stricken, noch spielen. Es ist sehr unangenehm u eine große Geduldsprobe. Ihr Auftrag an Fräulein Gulden kam gerade, als sie bei uns zu Besuch war; sie hat sich unendlich darüber gefreut, denn sie hatte schon gefürchtet, unbescheiden gewesen zu sein. Sie ist ein sehr liebes Wesen, u ganz anders, seitdem sie wieder zu Hause ist, u gesund. Ich glaube, in Petersburg wußte Niemand wie krank sie war; denn sie ist gar nicht dieselbe Person, so frisch u heiter u angeregt. Mama hat sie sehr lieb gewonnen. – Von Fräulein Hilleprandt habe ich ewig lange nichts mehr gehört; es ist aber meine Schuld, weil ich ihr so lange nicht geschrieben habe. Mama hat gestern einen zu lieben Brief von der Großfürstin gehabt, wirklich rührend; es freut mich immer so, daß sie noch so viel an mich denkt. Meine beiden Oldenburger Cousinen haben das Scharlachfieber gehabt. Die älteste hat es bekommen, nachdem sie die Kleine Tag u Nacht gepflegt hatte u scheint sehr krank gewesen zu sein; sie soll noch außerordentlich schwach u abgemagert sein. Armes, armes Kind! Ihr Leben hat ihr bis jetzt wenig Sonnenschein gebracht.
Es freut mich so, daß Ihre Tochter bei Prinzeß Anna ist; schreibt sie noch immer vergnügt? Bitte grüßen Sie Ihre Tochter Marie sehr herzlich, u sagen Sie ihr, ich hätte ihr all’ ihre Sorgen nachgefühlt, die sie Ihretwegen gehabt hat.
Das was Sie mir über mein Klavierspielen schrieben, hat mich innig gerührt; ich habe alle Ihre Worte in meinem Herzen aufbewahrt, u habe auch seitdem mehr Geduld mit mir selbst. Ich finde, es ist stets u bei allen Dingen am schwersten, mit sich selbst Geduld zu haben. Mir ist niemals etwas leicht geworden, u ich bin mir bis in meine früheste Kindheit eines heißen Kampfes bewußt. Ich habe aber mein Ziel immer hoch gesteckt u nichts für unerreichbar gehalten. Deßwegen habe ich auch die tiefste Entmuthigung kennen lernen, u fange erst allmählich an, einzusehen, daß ich Vieles aufgeben muß u sehr selten dem Augenblick genüge. Wenn man die Augen offen hält, sieht man täglich Anforderungen vor sich, denen man nicht nachgekommen ist. Mein sehnlichster Wunsch ist nun, durch meine Wesenheit Andern wohlzutun, u das ist unendlich schwer. – Nichtwahr, es ist recht unbescheiden u anmaßend von mir, Sie mit meinen Wünschen u Bestrebungen zu unterhalten; ich habe aber immer ein so mütterlich liebendes Auge u eine so herzliche Theilnahme bei Ihnen gefunden, daß ich den Muth habe, so aus meinem Herzen heraus mit Ihnen zu sprechen. Ach es wäre zu schön, Sie bald zu sehen! – Eben hatte ich einen Brief von Fr. v. Rahden. Sie erzählt mir, es sei der Wiener Pianist Derfell im palais Michel für diesen Winter, u Rubinstein habe sein Fastenconcert schon gegeben. Also wieder Musik genug, u Train u Brouhaha genug, besonders für F. Rahden mehr als genug! –
Leben Sie recht wohl, liebe Frau Schumann! Sie wissen daß ein ganz kleines Briefchen von Ihnen mich sehr glücklich macht; aber machen Sie sich nur nicht müde meinetwegen!
Ihre innig dankbare Schülerin
Elisabeth W

  Absender: Elisabeth (Pseudonym: Carmen Sylva), Prinzessin zu Wied (418)
  Absendeort: Monrepos
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 12
Briefwechsel Clara Schumanns mit Landgräfin Anna von Hessen, Marie von Oriola und anderen Angehörigen deutscher Adelshäuser / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-023-0
335-338

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 2,142
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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