19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 8826 Brieftext


Geschrieben am: Montag 28.07.1856
 

Bonn d. 28 July 1856

Theuerer Joachim,

nur wenig Worte! ich bin seit gestern mit Johannes hier – wir wohnen im deutschen Haus, sind aber den Tag über in Endenich. Ich sah Ihn gestern – von meinem Jammer lassen Sie mich schweigen, aber einige zärtliche Blicke empfing ich – sie nehme ich durch mein ganzes Leben hindurch! einmal umfaßte er mich auch, er kannte mich! Bitten Sie zu Gott um ein sanftes Ende für Ihn – es kann nicht lange mehr dauern, wie Richarz sagt. Ich verlasse Ihn nicht mehr! Ach Joachim, welcher Schmerz, welcher Jammer so Ihn wieder zu sehen! aber der Blick – um Alles in der Welt mißte ich Ihn<> nicht mehr. Eben wollen wir wieder hinaus! Denken Sie seiner und Ihrer Clara Schumann.

Johannes grüßt.

S. Umstehend

Frau Sch. schreibt Dir dies für den Fall daß du ihn vielleicht zum letzten Mal sehen wolltest. Ich will aber denn doch beifügen daß Du dir’s überlegen möchtest, es ist doch sehr, sehr ergreifend u. jammervoll. Sch. ist sehr abe<g>magert, von Sprechen oder Bewußtsein ist keine Rede. Er kannte aber doch seine Frau umarmte sie u. lächelte. Seit 6–8 Tagen nimmt er nichts mehr zu sich als wenig Frucht-Gelee. Ich weiß nicht mehr zu schreiben, kann nicht. Wir wohnen im deutschen Hause in Bonn.
Dein Johannes.

Dietrich grüßt. Ich will telegraphiren.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Bonn
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
282f.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.