Cöln d. 17ten Januar 1867 Frankstraße 11
Liebe Frau Schumann! –
ich kann mich noch immer nicht ganz darüber zufrieden geben, daß ich Sie neulich nicht mehr auf dem Bahnhof gesehen habe, <nachdem ich mich> und zu Haus sitzen mußte, während die Andern bei Ihnen waren. Es ist so langweilig, an seine Gesundheit denken zu müssen, und am langweiligsten bei solchen Anlässen, wo man so gern alle andern Gedanken bei Seite ließe, und der Neigung folgte; doch versehe ich meinen Posten an der Schule durch die häufigen Versäumnisse schon mangelhaft genug, und muß darauf bedacht sein, durch Unvorsichtigkeit ihre Zahl nicht noch wachsen zu lassen. – Also ich kann am Ende nicht wünschen, anders gethan zu haben, und doch ärgere ich mich, so oft ich an den Abend denke. –
Nun möchte ich Sie dafür gleich, wenigstens brieflich, in England besuchen. Bruch hat mir |2| gestern Ihre Adresse geschickt, und ich will sie ungesäumt benutzen. – Am Morgen nach unserem Düsseldorfer Nachmittag war er bei mir, und wir freuten uns noch gemeinsam der schönen Erinnerung an die C dur Fantasie, und alles Gute, Belebende, Erquickliche, was Ihre Nähe als solche mit sich bringt, wenn man sie auch nur so <> auf Augenblicke genießt, wie neulich! Ich hätte gern <auch> noch mit Ihnen über Schön Ellen geredet und den Salamischor, der Ihnen nicht so gefallen zu haben scheint, da Sie ihn nicht da capo verlangt haben. Ich fand ihn eigentlich <noch> ┌das┐ bedeutender<,>┌e, unter den beiden┐ aber Schön Ellen hat freilich <┌auch┐> viel Reizendes Poetisches in der Melodie, und ich bin sehr zufrieden, daß ich das Stück bei der Gelegenheit noch einmal gehört habe. – Das Brahmssche Requiem möchte ich gleich mit einem Chor studiren, und dabei selbst ganz kennen lernen; wäre doch Cöln nicht so, wie es ist, daß man es versuchen könnte, so Etwas |3| gleich in Angriff zu nehmen. –
Im Gürzenich war vorgestern, wie Sie wissen, die Manfredouverture, und es passirte mir das sonst ziemlich Unerhörte, ┌im Concert┐ zu spät zu kommen. So habe ich denn nur durch die Thür zuhören können, und das war ein schwacher Genuß. – Sehr entzückt hat mich Kamarinskaja von Glinka; das ist wirklich reizende, geistvolle Musik voll schöner harmonischer Wendungen und anziehender Klänge; das Publikum benahm sich wie ein Ochse, dem man Austern vorsetzt; sie waren ganz verblüfft, und fanden es höchstens <> unerlaubt komisch.
Seit ein paar Tagen habe ich nun meinen längst erwarteten Flügel von Knake, und bin ganz überrascht und erfreut durch seinen schönen gediegenen Ton, die angenehme Spielart, und das wenige Geld, das er kostet. Wenn <> Sie das Instrument kennten, so würden Sie meine Anerkennung theilen, und den Mann vielleicht auch an passender Stelle |4| empfehlen; er verdient es sehr, und ich glaube nicht, daß man irgendwo etwas ähnlich Gutes für 450 Thaler bekommt. – (Mir als Künstler kostet mein Flügel 300).
Königslöw’s grüßen Sie herzlich; die beiden Frauen kamen neulich sehr beglückt von dem Zusammensein mit Ihnen zurück, und abgesehen davon, daß Selbstessen noch besser ist, freute ich mich ihrer Freude. Wenn Herr Joachim bei Ihnen ist, so sagen Sie ihm die besten Grüße; es ist zwar nicht schön, daß man diesen Winter garnichts von ihm zu sehen und zu hören bekommt, doch darf man in Ihrem Interesse ihn jetzt nirgends anders wünschen als in England. Eine solche Art von Concertreise, wie Ihre diesjährige, wäre doch ohne ein<e> ähnliches Zusammen<>sein<> kaum recht erträglich für Sie.
Möchten Sie die Überfahrt gut überstanden haben, und ┌bei allen Strapatzen┐ so frisch bleiben, wie Sie uns Allen hier erschienen! – In warmem Andenken
Ihr wie immer treu ergebener
Ernst Rudorff