05.01.2022

Briefe



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ID: 18089
Geschrieben am: Donnerstag 16.05.1878
 

Wien 16. Mai 1878
Alserstrasse 20.
Hochverehrte Frau!
Das warme Interesse, das ich für Alles habe, was Sie angeht, veranlass’te mich, Brahms in Neapel zu Ihrem Felix zu begleiten. Da es bereits gegen Abend war, und er am andern Morgen nach Capri abreisen wollte, so habe ich ihn nur einmal gesehen, und fand ihn seit zwei Jahren, als ich ihn in Meran traf, unverändert. Ich untersuchte seine Brust, und muß freilich bestätigen, daß es immer noch einige Punkte in seiner Lunge giebt, die nicht in Ordnung sind. Bei seiner Jugend |2| darf man indeß sich wohl
der Hoffnung hingeben, daß die Heilung erfolgen wird, wenn es auch langsam damit gehen wird. – Wie er mir sagte, hatte er das Unglück, in Sicilien einen ungünstigen Winter zu treffen; hoffentlich hat ihm die warme Seeluft und die Stille in Capri gut gethan. Wir wollten ihn dort besuchen, doch das Wetter war neblich, und so standen wir davon ab. Für den Sommer wird es wohl zu heiß in Capri sein, und so wird wohl eine langsame Rückehr [sic] diesseits der Alpen für ihn zweckmäßig sein, etwa nach Baden-Baden. Sollte ihm die Reise zu beschwerlich |3| fallen, so ist es wohl am besten, daß er von Capri für die heißen Monate nach Sorent [sic] übersiedelt. Vielleicht ist es auch nur ein nordisches Vorurtheil, daß die Hitze in der dortigen Gegend unerträglich sei. Ich hatte Gelegenheit, mit einem älteren Arzte, der seit 20 Jahren in Neapel lebt über die dortigen klimatischen Verhältnisse zu sprechen. Er versicherte mich, daß der Sommer durchaus nicht übermäßig heiß dort sei und von Mai bis October ein Tag wie der andere. Sollte Felix sich nicht schon anderweitig Raths erholt haben, so könnte er (da die Communikation von Capri und Sorrent nach Neapel mit Dampfschiff leicht und nicht anstren-|4|gend ist) vielleicht diesen Arzt befragen; es ist Herr Dr. Obenaus, ein geborner Sachse, seine Adresse ist im Adreßbuch von Neapel leicht zu finden; er ist ein erfahrner älterer bescheidener Arzt; ein Gruß von mir wird ihm freundliche Aufnahme sichern. Wenn die lange Reise nach Deutschland Felix erspart werden könnte, so wäre es wohl besser für ihn.
Ich danke Ihnen noch freundlichst für Ihre Antwort auf mein Telegramm, die 2te Brahms’sche Sinfonie betreffend. Es hat mir unsägliche Freude gemacht, Brahms in Italien einzuführen. So gern ich ihn im Winter hier habe, so sehr wünsche ich ihm auf der anderen Seite den beglückenden Einfluß Italien’s, wo Alles Harmonie ist.
Mit freundlichstem Gruß
Ihr ergebenster
Th. Billroth

  Absender: Billroth, Theodor (209)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
91ff

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 3,267
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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