München 4. Januar 75.
Liebe Frau Schumann!
Das Geschäftliche vorausschickend zur Nachricht, daß ich umgehend an unsere Nachfolger in Carlsruhe geschrieben habe, daß sie nach dem fraglichen Bilde forschen u. so sich dasselbe noch vorfindet, die verlangten sechs Karten direkt an Ihre Adresse einsenden möchten. Vertragsmäßig u. durch Kauf verpflichtet unsern gesammten Vorrath von Negativs unsern Geschäftsnachfolgern zu überlassen, sehe ich mich leider außer Stand Ihrem Wunsch selbst u. unmittelbar zu entsprechen, hoffe aber, daß es auf fraglichem Umweg noch geschehen kann.
Für den übrigen freundlichen Inhalt Ihres Briefes den herzlichsten Dank; dabei zu wissen u. zu hören daß es Ihnen u. den Ihrigen gut oder zum wenigsten besser geht, ist ein Stück meines innern Friedens, denn es bekümmert mich alles aufs innigste, was geeignet sein kann Sie zu bekümmern.
|2| Mir selbst geht es recht gut u. verlange ich von der Zukunft nichts als die Dauer dessen, was die Gegenwart mir gönnt: Kraft zur Arbeit und die Liebe bewährter Freunde. Nachdem mich Brahms diesen Sommer heimgesucht u. mir herzlicher als je begegnete, nachdem bei einem Herbstbesuch in Karlsruhe mir eine Fülle freundlichen Andenkens entgegengebracht worden war, hatte ich über Weihnachten die Freude mein 80jähriges Mütterchen im prächtigsten Wohlsein wieder zu sehen, wobei sie wieder nicht versäumte sich nach Ihnen zu erkundigen. Hat so das alte Jahr günstig geschloßen, erfreute mich zum Eingang ins neue nebst Ihrem lieben Brief zu gleicher Stunde die Meldung von einem Besuch Feuerbachs für morgen oder übermorgen. Er kehrt von seinem üblichen Weihnachtsbesuch in Heidelberg nach Wien zurück, wo, wie Sie ja wissen werden, sich ihm endlich ein großes würdiges Feld monumentaler Thätigkeit erschloßen hat u. wohl noch in wachsendem Maas erschließen dürfte. Ein würdiger Abschluß für einen 25jährigen Geisterkampf, wie er bewußter und <außer> ausdauernder wohl selten durchgekämpft wurde.
Es bleibt mir nur noch übrig Ihre Fragen nach unserm kleinen Schwarzkopf zu beantworten, der, unter uns gesagt, alle Anstrengungen macht ein Graukopf zu werden. Offen gestanden, wir sehen uns seltener als es in der Natur unserer verjährten Beziehungen begründet liegt u. unsere, dabei unwandelbaren |3| Gesinnungen für einander voraussetzen ließen. Gestehe ichs nur, es liegt trotz unsrer Herzensübereinstimmung, doch ein Gegensatz in unser beider Wesen, der uns nicht immer die gleiche Straße führt, so sehr sich stets Jeder darüber freut, wenn wir auf Kreuzungen uns begegnen. Es kömmt dazu, daß ihn seine neue Wohnung lokal weit von mir trennt u. die wenigsten seiner gesellschaftlichen Beziehungen von mir mitgepflegt werden. Ich kann auch nicht sagen daß mein Interesse für Oper u. Comödie in den letzten Jahren zugenommen hätte; so führt mich denn auch seine Berufsthätigkeit seltener mit ihm zusammen, die vorwiegend dem Theater zugewendet ist u. die eben, so wie die Dinge überall liegen, eine tiefer angelegte Musikernatur doch nicht völlig ausfüllen u. befriedigen können. Das liegt nun freilich in erster Linie in der Natur seiner Stellung u. der gegebenen Verhältniße die sich so leicht nicht umstoßen lassen; es will mir aber oft bedünken als lasteten sie auf ihm u. flüchte er vor sich selbst unter die Menschen, um das dämmernde Bewußtsein einer un- oder halbgelösten Mission zu bekämpfen. Hierher berufen die musikalischen Zustände u. vor allem die Oper umzugestalten, drängte die Ungunst der allgemeinen u. lokalen Bühnenzustände ihm das stille Gefühl der Ohnmacht auf u. statt umzugestalten, vollzog sich umgekehrt an ihm selbst ein Prozeß der Umgestaltung u. ehe er sichs versah und recht klar wurde, befand er sich im Bannkreis <des> der Wagner’schen Muse. Halb zog sie ihn, halb sank er hin, doch das „u. ward nicht mehr gesehn,“ trifft wohl noch |4| nicht für immer bei ihm zu. Die Auflösung des Räthsels liegt wohl gerade in den Eigenschaften Levi’s, die ihn zu einem Capellmeister ersten Ranges machen, d. h. in der Fähigkeit, sich mitten in jedes Werk hineinstellen zu können, das er zu interpretiren die Aufgabe hat, bis u. so lange nicht ein neues oder anderes denselben Anspruch an sein Interesse fordert. Und so hoffe ich denn für ihn <bei> in der kommenden Fastenzeit von der auf ihn wartenden Conzertthätigkeit eine heilsame Reaktion, die ihn wieder unterscheiden läßt zwischen einem musikalischen Rausch u. der keuschen Begeisterung für ächte adelige Kunst. Dann dürfte auch der rechte Zeitpunkt sein, in welchem Sie, uns zum Genuß, eine genußreiche Woche hier suchen u. finden dürften, denn dann gehört er mit der Sache, deren reinster Pflege Ihr Leben angehörte, auch Ihnen wieder gewiß voll u. ganz an, denn daß er gut, treu u. edel ist, wissen wir ja alle, wenn er auch oft zu seinem Schaden der Herrschaft des Augenblicks sich überlaßen mag.
Wenn Sie Joachim’s sehen, freundliche Grüße, die herzlichsten Ihnen u. den Ihrigen von
Ihrem
getreuen Verehrer
Julius Allgeyer